Editorial des Präsidenten - 03 - TCS-Motorradgruppe

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Editorial des Präsidenten Markus Dürrenberger

Wie wir im letzten Editorial schon lernten gab es in den vergangenen 17 Jahren grosse Fortschritte bei den deutschen Motorrädern.
Ein Mitglied hat mich daran erinnert: ich hätte die schnellen Italiener vergessen. Wahrscheinlich war das deswegen, weil diese gerade wieder in der Werkstatt stehen und ein verzweifelter Mechaniker darum ringt, den unerwünschten Ölfluss zu stoppen oder generell wenigstens einem Zylinder eine zuverlässige Zündung zu entlocken.
Was bei den Autos die Franzosen das sind bei den Motos die Italiener: Immer geniale Innovationen, nur die zuverlässige Ausführung kommt dann von den Japanern als Imitation.
Betrachten wir mal den Fall Ducati etwas genauer. Am metallischen Klirren bei eingelegtem Gang und gezogener Kupplung im Leerlauf erkenne ich jede Ducati mit verbundenen Augen. Dieser Ton ist einfach so ungesund und jeder vernünftige Mensch würde so ein Monster sofort in die Werkstatt bringen. Von diesem zwanghaften Verlangen bekam wohl die Ducati Monster ihren schlechten Ruf. Nehmen wir die desmodromische Steuerung der Ventile. Wer’s nicht weiss: da öffnen und schliessen sich die Ventile ohne dass man gegen eine Federkraft drücken muss. Genial, nicht? Leider hat niemand verstanden wie das gewartet werden soll. So haben dann die Japaner mit der TRX 850 eine Ducati abgekupfert aber mit normalem Ventilrieb. Fünf Ventile statt «nur» vier davon pro Zylinder. Dann musste man die Yamaha erst noch bloss alle 42-tausend Kilometer zum Einstellen bringen. Mit zwei Ausgleichswellen gegen Vibrationen war dann die Kiste so gut, dass sogar Valentino Rossi von Ducati zu Yamaha gewechselt hat (Die Chronologie wurde vom Autor aus dramaturgischen Gründen geändert. Die richtige Reihenfolge ist der Redaktion bekannt).

Die Moto Guzzi ist eine gewaltige Konstruktion, fast schon ein BMW-Boxer. Eben nur fast, bis zu vollen 180 Grad hat es nicht gereicht. Die klassische California sollte ja den Italienischen Mafiosi in Amerika die Heimat wieder etwas näher bringen (oder war es doch klein-Amerika nach Italien). Aber nicht einmal unsere Sizilianer im Club liessen sich von ihrer BMW oder Yamaha weglocken. Dann besann man sich, dass die Italiener im Allgemeinen doch etwas kürzere Beine haben und hat diesen Gewaltsmotor in ein zierlich kleines Fahrgestell verbaut. Das Ganze sieht aus wie ein Café-Racer für die Rennstrecke. Sieht man dann unseren Berni mit seinen langen Beinen und seiner flinken Gashand auf dieser Maschine kann man schon von einem «schnellen Italiener» reden. Berni ist zwar Schweizer, aber schneller ist auf einer Moto Guzzi selten jemand. Der kultivierte Schluss der Guzzi-Geschichte gehört jedoch Andi, diese Guzzi ist eine echte Harley-Honda-BMW. Sie hat viel Chrom, schüttelt wie eine Harley, läuft wie eine Honda Silver Wing und sieht aus wie ein verbogener BMW-Jubiläumsboxer, der vergleichsweise von Jo Conrad gefahren wird.

Dann hatten wir da noch eine Firma, die hiess Benelli. Sie wollten den Japanern das Fürchten lehren, die mit ihren quer eingebauten und dynamisch schräg nach vorne geneigten geraden Vierzylindern auf den Markt kamen. Benelli schweisste gleich noch zwei Zylinder dran. Da muss man aber bei den Japanern früher aufstehen. Während die Benelli-Sei noch beim Ölabdichten in der Werkstatt war fuhr ein Japaner mit einem Messer quer im Mund die ersten Testrunden mit der Honda CBX und schnitt alle im Fahrtwind befindlichen Insekten sauber in zwei Teile. Genau so chirurgisch perfekt war eben die CBX und was soll ich sagen... Von Benelli hat man halt seither nicht mehr viel gehört.

Aprilia ist noch erwähnenswert. Aprilia wurde von Honda aufgekauft und darf unter dem eigenen Label exklusive Modelle für Mafiosi in Nadelstreifenanzügen bauen, so zu sagen der Lexus unter den motorisierten Zweirädern.

Der Inbegriff des Italienischseins heisst Vespa. Hat schon mal jemand die Reklame gesehen, in der ein paar indische Jugendliche mit Hilfe eines Elefanten einen Tatra zu einem Peugeot 206 umformen? So ähnlich stelle ich mir vor ist wohl die unverwüstliche Vespa entstanden. Man kann mit dem Nadelanzug oder mit dem Badeanzug aufsteigen und im heissen Süden durch die Strassen grooven. Wer die verrücktesten Dinge damit anstellen kann, ist der grösste Held. Da begreift man, dass die Deutschen, die Japaner und sogar BMW auf dieser Erfolgswelle mitreiten wollten. Leider einfach nie erreicht. Die Vespa kann zwei-, drei- oder vier Räder haben, sogar mit Seitenwagen ist sie ein unerreichter Kult.
Nur eine Vespa ist eben ein motorisiertes Zweirad für Warmduscher. Die echten Helden auf zwei Rädern grüssen solche Untermenschen auf der Strasse nicht. Das ist wirklich unter jeder Würde. Lediglich die japanischen Nachmachen können manchmal zu einem versehentlichen Grüsser führen, da sie langsam erschreckend nahe an ein richtiges Motorrad herankommen.

Klar gibt’s da noch ein paar andere: Boatian, Beta, Bimota (ein Yamaha-Verschnitt), Borile, Cagiva, CR&S, Garelli, Gilera, Husqvarna, Intramotor-Gloria, Laverda, Malagutti, Malanca, Minarelli, Mondial, Moto-Morini und MV Agusta. Hättet ihr das alles aufzählen können? Alle waren sie schnell brennende Strohfeuer und nahmen dann ein tragisches Ende wie Romeo und Julia oder führen noch heute ein Schattendasein wie Lord Waldemord.

Deshalb warten wir immer noch auf die wirklich schnellen Italiener. So was wie ein Ferrari auf zwei Rädern. Der Text erklärt vielleicht auch, weshalb ich die schnellen Italiener vergessen habe: sie existieren nicht. Zu MV Agusta’s-Zeiten war eben alles noch anders....

Last update: 08.10.2017
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