Editorial des Präsidenten - 11 - TCS-Motorradgruppe

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Präsidentenseiten > Archiv
Editorial des Präsidenten Markus Dürrenberger

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Stellt euch vor, ein paar Jugendliche laufen am frühen Montag-Nachmittag auf dem Seitenwall der H18 entlang. Einer hebt einen handlichen Kieselstein hoch und wirft ihn mit aller Wucht in Richtung Autobahn.
Nun stellt euch vor, euer Präsident fährt montags um 13.30 Uhr mit 120 km/h auf der H18 zwischen Reinach Nord und Reinach Süd.
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Stein den Präsidenten trifft ist etwa so gross wie ein Sechser im Lotto. Er traf mich am Helm etwa an der Stelle wo mein Mund ist und prallte dann ab auf meine linke Schulter. Es fühlte sich an, als hätte ein Berufsboxer mir eine Gerade verpasst und ein Heckenschütze gleichzeitig in die Schulter geschossen. Ich hatte Mühe, meine Maschine unter Kontrolle zu halten und bei Bewusstsein zu bleiben.
Ich nahm die Ausfahrt Reinach Süd und steuerte direkt den Polizeistützpunkt Reinach an. Ich hatte Glück, der Stützpunkt war geöffnet. Es warteten bereits zwei genervte «Kunden» mit irgendwelchen Papieren im Warteraum und die beiden anwesenden Beamtinnen waren vollauf damit beschäftigt den automatischen Türschliesser zu bearbeiten der nicht richtig funktionierte. Nach einiger Zeit begannen sie ihren Arbeitsvorrat aus dem Warteraum abzubauen. Als ich dann an der Reihe war, hörte die Beamtin zwar meine Worte, aber sie hatte Mühe mir zu glauben. Der zertrümmerte Helm interessierte sie jedoch mehr. «Sind Sie sicher, dass Ihnen der Helm nicht einfach heruntergefallen ist? – Warum haben Sie nicht angehalten und die Leute zur Rede gestellt? – Wo war denn das überhaupt?»
Es stellte sich heraus, dass die Beamtin nicht ortskundig war. Erst die Besprechung anhand von Google Earth am Computerbildschirm brachte Klarheit. Nun brach ein Telefon-Aktivismus aus. Es wurden zwei Patrouillenwagen entsandt, die Stelle zu finden, von der die Steine potentiell geworfen wurden. Die Streifenwagenbesatzungen trafen jedoch niemanden mehr an.
Das Verhör begann. Ich durfte mich setzen und es wurde ein Protokoll eröffnet. Viele Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Wer fuhr vor ihnen? – Warum wissen Sie die Autonummer dieses Fahrzeugs nicht? – Warum können Sie die potentiellen Täter nicht beschreiben? Ich sagte, mir tut die Schulter weh. Das interessierte niemanden.
Nach einer Stunde war das Verhör beendet. Man eröffnete mir, dass nun eine Anzeige gegen Unbekannt geschrieben werde. Der Titel lautete «Angriff auf Leib und Leben». Nach weiteren 30 Minuten war auch diese Anzeige vollendet. Ich musste noch dafür unterschreiben, dass meine Daten an den Opferschutz weitergegeben würden. Das Bundesgesetz schreibt das vor. Dann wurde ich entlassen.
Ich fühlte mich so richtig verstanden von unserer Gesellschaft und fuhr zurück an meine Arbeit. Es waren abends an der Arbeit auch noch Aufholstunden fällig. Ich dachte, ich hätte wohl besser einen Sechser im Lotto gemacht. Dabei hatte ich auch Glück im Unglück, dass das Motorrad nicht beschädigt wurde. Der Kratzer an der Schulter heilt von selbst wieder.
Was ist denn wirklich geblieben? Ein zerstörter Helm, ein Hämatom (ein blauer Fleck) an der linken Schulter und eine grosse Enttäuschung. Nicht nur über die potentiellen Jugendlichen die aus Frustration Steine auf die Autobahn werfen. Die Ohnmacht, dass die Gesellschaft wertvolle Gesetze zum Schutze ihrer Mitglieder geschaffen hat, die als ungeschriebenes Gesetz Motorradfahrern nicht zustehen. Niemand hat Interesse an der Aufklärung dieses Vorfalls. Ein Motorrad und ein Steinwurf sind eigentlich nur lästig. Je schneller man das vergisst, umso besser für alle Beteiligten. Alle Motorradfahrer sind potentielle Selbstmörder. Da ist ein Steinwurf nicht wichtig.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, spürt ihr die Frustration? Nein, ich werde ganz sicher nicht aufgeben. Die neue Saison ist da. Wir jubilieren, wir bestehen seit 20 Jahren. Wir dürfen nach Sardinien und haben zwei mehrtägige Touren vor uns. Wir machen ein Sommerfest am Dreiländereck. Kommt mit mir, wir geniessen das Leben. Steine gibt es auf diesem Weg viele, aber keiner kann uns die Freude am Motorradfahren vermiesen.

Euer Präsident

Last update: 08.10.2017
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü